Mittwoch, 2. Juni 2010

Die Welt, in der wir leben

Heute in der Uni war ich in einer Stimmung, die mich dazu veranlasste, diese Kurzgeschichte zu schreiben.
Sie ist mehr als nur ein wenig Fantasy.

Möget ihr die Muße haben, in Ruhe darüber nachzudenken.

Der Jüngling kauerte zwischen den Sträuchern und blickte auf die große Lichtung im Talkessel hinab.
Die Kreaturen dort unten schliefen.
Im Wald herrschte vollkommene Stille, als sei die Natur verstummt. Das Leben hielt den Atem an. Selbst der göttliche Herzschlag war nicht mehr zu hören, setzte aus.
Der Jüngling lauschte auf die Stille, die ihm in den Ohren dröhnte, suchte nach einer Regung in der Leblosigkeit.
Nichts.
Nur dort unten hoben und senkten sich in sanftem Rhythmus die Leiber der bedrohlichen Kreaturen im Schlaf.
Ein donnernder Hornstoß zerriss die übermächtige Stille, Menschen brachen schreiend aus ihren Verstecken und stürzten Waffen schwingend in den Talkessel hinab.
Die Kreaturen schnellten in die Höhe, die Augen aufgerissen.
Auch der Jüngling schrie gegen die zähe Stille an, rannte der Reglosigkeit trotzend in der Masse.
Mit kalter Klinge schlug er die erste Kreatur, schreiend sank sie vor ihm auf die Knie.
Überall um ihn herum fielen die Kreaturen, den wütenden Menschen hatten sie nichts entgegenzusetzen.
Der Jüngling lachte auf. Es war so leicht. Kreatur um Kreatur sank unter seinem Schwert zu Boden, gab der Erde ihr Blut zu trinken.
Langsam verstummten die Angst- und Todesschreie, wurden zu Wutgeschrei.
Mit Händen und Füßen, beißend und kratzend, setzten die Kreaturen sich zur Wehr – vergebens.
Triumphierend richtete der Jüngling sich auf, ließ seinen Blick über die Toten und Sterbenden schweifen und die Menschen, die zwischen ihnen wüteten.
Stolz, Zufriedenheit und Genugtuung erfüllten seine Brust.
Dort, inmitten des Mordens, fiel der Blick des Jünglings plötzlich auf ein kleines Kind, kaum älter als ein Jahr.
Der Boden war dort, wo es saß, noch nicht mit Blut getränkt.
Mit kleinen Händchen klammerte das Mädchen sich an ein weiches Tuch, versteckte sich dahinter. Ihr Blick huschte verwirrt und ängstlich umher. „Mama? Papa?“
Die zarte, weinerliche Stimme schoss wie ein Blitz tief in die Seele des Jünglings, schnürte ihm die Kehle zu. Zaghaft näherte er sich der Kleinen. „Wo kommst du denn her?“ Seine Stimme war schon ganz heiser vom Kampfgeschrei.
Das Mädchen sah zu ihm auf, mit Tränen der Verzweiflung in den zartblauen Augen. „Mama…“
„Mama ist nicht hier.“ Unschlüssig blieb der Jüngling stehen und musterte die Kleine.
So zart, so zerbrechlich … und so hilflos.
Sein Gemüt wurde überwältigt von Empfindungen, wie sie ihn noch nie gequält hatten, doch er konnte sie nicht erfassen. Sie brachten ins Straucheln, was vorher noch so klar und sicher gewesen war, was ihm halt gegeben hatte.
Traurig schluchzend vergrub sie das Gesicht in ihrem Tuch, kauerte sich im Moos zusammen. „Mama! Papa!“
„Aber nicht doch…“ Ratlos fuhr der Jüngling sich mit einer Hand durch die Haare, ließ seinen Blick suchend umherschweifen, bis er schließlich an einem anderen, blauen Augenpaar haften blieb, leer und ausdruckslos, das Licht erloschen – die Mutter.
Schmerzhaft krampfte sein Magen sich zusammen. „Was habe ich getan?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, zu mehr war er nicht fähig, ohnmächtig im Angesicht der Erkenntnis.
Hastig wandte er sich wieder um, streckte helfend und tröstend die Arme nach dem Mädchen aus. Er musste der Kleinen doch helfen! Unbedingt!“
Doch der Augenblick des Zögerns hatte zu lange gewährt, im Sterben noch hauchte sie. „Mama…“
Seine Bewegung erlahmte, sein Atem erstickte, das Blut gefror ihm in den Adern.
Starr und reglos kniete der Jüngling bei dem Kind, das Feuer seiner Seele erloschen, der Glanz seiner Augen verblasst.
Schweigend stiegen die anderen wieder aus dem Talkessel, keuchend und wimmernd dank der Wunden, welche die Werwölfe ihnen geschlagen hatten und welche niemals verheilen würden.
Der Jüngling ließ zitternd den Blick umherwandern. Die Menschen waren fort.
Stille, Reglosigkeit … Doch eine einzelne Brise trug ihm die Totenklage der Wölfe ans Ohr, die ihm die Sinne fortriss, ihn ins Blut seiner Opfer sinken ließ.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen